Probleme beim Stricken nach einer Anleitung

Wenn es plötzlich nicht mehr weitergeht

Eine Strickanleitung soll eigentlich genau ermöglichen, dass Schritt für Schritt ein fertiges Strickstück entsteht. Doch manchmal stimmt plötzlich die Maschenzahl nicht mehr, das Muster verschiebt sich oder die Ferse sieht ganz anders aus als auf dem Foto. Schnell entsteht der Verdacht: In der Strickanleitung muss ein Fehler sein.

Doch nicht immer liegt die Ursache tatsächlich in der Anleitung. Über viele Jahre entwerfe ich bereits Strickstücke und schreibe die dazugehörigen Anleitungen. In der Regel kommen die Stricker:innen damit gut zurecht. Trotzdem erreichen mich hin und wieder Nachrichten mit dem Hinweis: „In der Anleitung ist ein Fehler.“

Das erzeugt bei mir zunächst einmal Unruhe. Denn natürlich möchte ich, dass eine Anleitung funktioniert. Meine Anleitungen werden deshalb vor der Veröffentlichung von Teststrickerinnen in der Regel auf Herz und Nieren geprüft. Ihre Rückmeldungen und Anmerkungen fließen gegebenenfalls noch in die fertige Anleitung ein.

Und trotzdem kann beim Stricken etwas schiefgehen. Manchmal lohnt es sich deshalb, nicht sofort die Anleitung infrage zu stellen, sondern zunächst die eigene Arbeitsweise zu überprüfen.

Die Anleitung genau lesen – auch wenn man die Technik kennt

Ein häufiger Grund für Probleme beim Stricken nach einer Anleitung ist schlicht das zu schnelle Lesen.

Gerade erfahrene Stricker:innen kennen viele Techniken und wissen meist schon, wie beispielsweise eine Ferse, eine Spitze oder ein bestimmtes Muster gestrickt wird. Deshalb ist die Versuchung groß, einen Abschnitt nur zu überfliegen oder direkt zum nächsten Punkt zu springen.

Das kann allerdings zum Problem werden. Denn eine Designerin oder ein Designer kann eine bekannte Technik an einer bestimmten Stelle bewusst etwas anders ausführen oder zusätzliche Schritte einbauen.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Anleitung: Bei den 15-Years-Socks soll die Zunahmeferse nach der letzten Runde des Musterrapports beginnen. Wer im Strickflow ist und denkt: „Jetzt kommt die Ferse“, und einfach früher beginnt, bringt möglicherweise Ferse und Muster aus dem Takt.

Problem beim Stricken mit einer Anleitung
Meine Anleitung in der Pocket Knitting App. Ich habe mir markiert, dass die Ferse mit der Rapportrunde 8 beginnt.

Deshalb gilt: Auch bekannte Techniken sollten zumindest an der vorgesehenen Stelle in der Anleitung nachgelesen werden. Das eigene Wissen ist eine gute Grundlage, sollte aber nicht automatisch über die konkrete Anleitung gestellt werden.

Ein Beispiel: Ist wirklich die Anleitung schuld?

Besonders deutlich wird das bei einer Rückmeldung, die ich einmal zu einer meiner Anleitungen erhalten habe. Die Nachricht lautete sinngemäß: „Ich habe mich genau an die Anleitung gehalten, aber meine Ferse sieht nicht so aus wie auf dem Bild.“

Zunächst klingt das tatsächlich nach einem möglichen Fehler.

Ich habe deshalb nachgefragt und mir ein Foto schicken lassen. Das Foto brachte schließlich die Lösung: Die Anleitung sah Zunahmen in jeder zweiten Runde vor. Diese Angabe war jedoch beim Lesen übersehen worden. Die Strickerin hatte die Zunahmen in jeder Runde gearbeitet.

Die Anleitung war also korrekt – aber eine kleine, leicht zu übersehende Angabe hatte das Strickstück verändert.

Gerade solche Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, eine Strickanleitung Schritt für Schritt zu lesen und nicht nur die eigentlichen Handgriffe zu erfassen.

Wichtige Angaben in der Strickanleitung markieren

Besonders hilfreich ist es, wichtige Angaben direkt in der Anleitung zu kennzeichnen. Das gilt beispielsweise für:

  • die eigene Größe
  • Maschen- und Reihenzahlen
  • Angaben zu Wiederholungen
  • Zu- und Abnahmen
  • den Beginn eines Musterrapports
  • Angaben wie „jede 2. Runde“ oder „noch 5-mal wiederholen“
  • Änderungen zwischen verschiedenen Größen

Wer eine Anleitung ausdruckt, kann mit einem Textmarker arbeiten oder die entsprechenden Stellen mit einem Stift einkreisen. Hat man die Anleitung in einer Strick-App wie z. B. KnitCompanion oder Pocket Knitting hochgeladen, helfen ebenfalls Markierungen oder Notizen.

Strickanleitung - markieren von wesentlichen Dingen
Wesentliche Punkte sollten unbedingt in der Anleitung gekennzeichnet werden.

Das mag zunächst nach einem zusätzlichen Arbeitsschritt aussehen. Allerdings verhindert eine kleine Markierung häufig, dass man später lange nach dem Grund für einen Fehler suchen muss.

Mehrere Größen: Hier kann man schnell verrutschen

Eine weitere typische Fehlerquelle sind Anleitungen, in denen mehrere Größen nebeneinander angegeben werden.

Beispielsweise kann dort stehen:

Größen 36/38 (40/42, 44/46) 

Wenn anschließend über mehrere Zeilen hinweg verschiedene Zahlen folgen, kann der Blick schnell zur falschen Zahl rutschen.

Das passiert besonders leicht, wenn man die Anleitung während des Strickens neben sich liegen hat und immer wieder zwischen Strickstück und Text hin- und herschaut.

Bei einer gedruckten Anleitung, z. B. aus einem Buch oder einer Zeitschrift, kann es deshalb sinnvoll sein, sie zu kopieren – eventuell sogar etwas größer – und die Angaben für die eigene Größe deutlich zu markieren.

Übrigens gebe ich bei den meisten meiner Anleitungen Angaben für eine Größe bereits in unterschiedlichen Farben an, z. B.:

Größen 36/38 (40/42, 44/46) 

So lässt sich eine der häufigsten Ursachen für Probleme beim Stricken nach einer Anleitung vermeiden.

Kompakte Anleitungen in Büchern und Zeitschriften

Nicht jede Strickanleitung ist so ausführlich aufgebaut wie eine moderne PDF-Anleitung. Besonders Anleitungen aus Büchern und Zeitschriften müssen mitunter sehr kompakt sein. Weniger Absätze, kleine Schrift und dicht aufeinanderfolgende Angaben machen das Lesen nicht unbedingt leichter.

Hier kann man beim Stricken schnell in der nächsten Zeile landen, obwohl der aktuelle Arbeitsschritt noch gar nicht abgeschlossen ist.

Gerade bei komplexeren Mustern hilft es deshalb, mit einem Lineal, einem Blatt Papier oder einem einem speziellen Halter für Strickanleitung die aktuelle Zeile hervorzuheben. So bleibt der Blick genau dort, wo man gerade arbeitet.

Probleme beim Stricken mit einer Anleitung
Mit einem Haftzettel und einem Lineal habe ich mir bei dieser Anleitung aus einer Zeitschrift den nächsten Strickbereich gekennzeichnet.

Auch das Abhaken bereits gestrickter Reihen oder Wiederholungen kann hilfreich sein.

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Wenn man im Strickflow zu schnell wird

Strickflow ist etwas Schönes. Die Hände arbeiten fast automatisch, die Maschen gleiten über die Nadeln und man denkt kaum noch über jeden einzelnen Schritt nach.

Doch genau dieser Flow kann bei komplizierteren Anleitungen manchmal zum Stolperstein werden.

Man glaubt zu wissen, was als Nächstes kommt, und arbeitet bereits weiter, während die Anleitung eigentlich noch einen besonderen Zwischenschritt vorsieht.

Vorausschauen ist beim Stricken durchaus sinnvoll. Es hilft, ein Verständnis für den Aufbau eines Strickstücks zu entwickeln. Trotzdem sollte man überprüfen, ob die eigene Vorstellung tatsächlich mit der Anleitung übereinstimmt.

Erst lesen, dann stricken – und danach darf der Strickflow gerne wieder übernehmen.

Maschen zählen, bevor der Fehler immer größer wird

Manchmal fällt ein Problem erst mehrere Reihen später auf. Dann ist die Versuchung groß, einfach weiterzustricken und darauf zu hoffen, dass es sich irgendwie wieder ausgleicht.

Das funktioniert beim Stricken allerdings nur selten.

Wenn plötzlich eine Masche fehlt oder zu viel vorhanden ist, sollte man zunächst eine Pause machen und die Maschen zählen. Anschließend lohnt sich ein Blick zurück: Wo war die letzte Stelle, an der die Maschenzahl noch gestimmt hat?

Auch bei Mustern kann es hilfreich sein, einen vollständigen Rapport zu überprüfen. Hat man tatsächlich alle Maschen des Rapports gestrickt? Wurde eine Wiederholung vergessen? Oder wurde eine Zu- beziehungsweise Abnahme an der falschen Stelle gearbeitet?

Je früher ein Fehler entdeckt wird, desto einfacher lässt er sich meistens korrigieren.

Was tun, wenn tatsächlich ein Fehler in der Strickanleitung steckt?

Natürlich können auch in einer noch so sorgfältig erstellten und getesteten Strickanleitung Fehler vorkommen. Menschen machen Fehler – und auch beim Schreiben, Überarbeiten und Setzen einer Anleitung kann sich einmal eine Zahl, ein Wort oder ein ganzer Arbeitsschritt einschleichen.

Bei einem kleinen Rechtschreibfehler kann man meistens großzügig darüber hinwegsehen. Anders sieht es aus, wenn eine Angabe dazu führt, dass das Strickstück nicht mehr aufgeht.

Dann lohnt sich zunächst ein Blick auf die Internetseite der Designerin oder des Designers beziehungsweise des Herausgebers. Häufig gibt es dort eine Korrekturliste (ein Erratum) oder aktualisierte Version der Anleitung.

Bei digitalen Anleitungen ist es außerdem möglich, dass inzwischen eine korrigierte Datei bereitgestellt wurde.

Hilfe aus der Strick-Community nutzen

Wenn man trotz sorgfältiger Prüfung nicht weiterkommt, muss man das Problem nicht allein lösen.

Eine erfahrene Strickfreundin kann manchmal schon beim Blick auf das Strickstück erkennen, wo der Fehler entstanden ist. Auch die Verkäuferin im Wollgeschäft kann eine gute Ansprechpartnerin sein.

Darüber hinaus bietet die Strick-Community viele Möglichkeiten, Fragen zu stellen. In Strickgruppen, Foren oder sozialen Netzwerken findet sich häufig jemand, der genau diese Technik schon einmal gestrickt hat.

Und natürlich kann man sich bei Unklarheiten auch direkt an die Designerin oder den Designer wenden. Ein Foto des Strickstücks und eine möglichst genaue Beschreibung des Problems sind dabei oft hilfreicher als die kurze Nachricht: „Die Anleitung stimmt nicht.“

Denn so lässt sich gemeinsam nachvollziehen, an welcher Stelle etwas anders gelaufen ist.

Fazit: Erst prüfen, dann den Fehler suchen

Probleme beim Stricken nach einer Anleitung können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Manchmal wurde eine Angabe überlesen, die falsche Größe ausgewählt oder eine Wiederholung vergessen. Manchmal führt der eigene Strickflow dazu, dass man einen Arbeitsschritt überspringt. Und manchmal steckt tatsächlich ein Fehler in der Anleitung.

Deshalb lohnt es sich, bei einem unerwarteten Ergebnis zunächst Ruhe zu bewahren und Schritt für Schritt zurückzugehen: Anleitung lesen, eigene Größe überprüfen, Maschen zählen und die letzten Arbeitsschritte kontrollieren.

Wenn sich dabei tatsächlich ein Fehler in der Strickanleitung zeigt, helfen Korrekturlisten, aktualisierte Anleitungen oder die Strick-Community weiter.

Denn am Ende geht es nicht darum, wer den Fehler gemacht hat.

Wichtig ist, dass das Strickprojekt wieder auf den richtigen Weg kommt – und dass man dabei vielleicht sogar etwas Neues gelernt hat.


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Barbara

Kommt aus Köln. Tüftelt täglich an neuen Ideen & Anleitungen. Besucht gerne Handarbeitsmessen und knüpft immer zufällig neue Kontakte. Sie ist die erfahrenste Strickerin unter den Autoren. Alle Artikel von Barbara ansehen.

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